Das Goetheanum in Dornach, Hauptgebäude der Anthroposophie

Die vom Österreicher Rudolf Steiner begründete Weltanschauung der Anthroposophie spaltet schon lange die Geister. Dabei hat sie mit Demeter-Gemüse und Weleda-Kosmetikprodukten Einzug in Haushalte gefunden, die sich deren ideologischen Hintergrunds oft gar nicht bewusst sind. Allgemein bekannter ist, dass die Waldorfschulen [mehr zur Herkunft des Namens Waldorf] mit ihrer berühmt-berüchtigten Eurythmie („den eigenen Namen tanzen“) eine Kreation Steiners ist und die zugrunde liegende Pädagogik von der Anthroposophie bestimmt sind.

Um all das soll es in diesem Artikel aber nicht gehen. Ich stelle euch das Gelände rund um das weltweit wohl wichtigste Gebäude der anthroposophischen Bewegung vor, deren Gebäude in der typischen organischen Bauweise erstellt wurden. Eine Glaubensdebatte möchte ich hier nicht anstoßen, sondern das Goetheanum – so heißt das Gebäude – mit seinen umliegenden Bauten aus touristischer Sicht als Sehenswürdigkeit betrachten.

Dornach ist eine kleine Gemeinde in der Nähe von Basel, gelegen im Kanton Solothurn. Den meisten Menschen ist er wahrscheinlich unbekannt und dennoch lockt das Dorf mit weniger als 7.000 Einwohnern Menschen aus aller Welt an, denn hier befindet sich das Goetheanum; ein Monumentalbau der anthroposophischen Architektur. Das Gebäude dient mehreren Funktionen: Als Tagungsort, Festspielhaus, Gesellschaftssitz und Hochschulgebäude. Hier hat die Anthroposophische Gesellschaft ihren weltweiten Hauptsitz und Studierende aus aller Welt besuchen die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Im großen Saal finden regelmäßig Theater- und natürlich auch Eurythmieaufführungen statt. Eurythmie ist jene berühmte anthroposophische Bewegungskunst, die jeder Waldorfschüler lernt und ihnen das Cliché eingebracht hat ihren Namen tanzen zu können.

Benannt ist das Gebäude tatsächlich nach Johann Wolfgang von Goethe. Das kommt von der großen Bewunderung, die Rudolf Steiner, der Erfinder der Anthroposophie, Goethe entgegenbrachte. Goethe verband in seinem Wirken sowohl das Esoterische in seiner Dichtung, veröffentlichte aber auch naturwissenschaftliche Arbeiten wie seine Farbenlehre. Diese Verbindung gefiel Steiner und bewog ihn seinen Bau nach dem deutschen Dichter zu benennen.

Organische / Anthroposophische Architektur – Was ist das?

Am ehesten seid ihr mit organischer bzw. anthroposophischer Architektur an einer Waldorfschule in Kontakt gekommen. Derzeit gibt es mehr als 250 Waldorfschulen in Deutschland, so dass die Chance groß ist, dass sich auch in eurer Nähe eine solche befindet. In der Regel sind diese anhand ihrer auffälligen Architektur gut zu erkennen, bei der auf rechte Winkel weitgehend verzichtet wird. Dabei orientieren sich Architekten an der Natur, in der praktisch auch keine 90-Grad-Winkel vorkommen. Vergleichen kann man anthroposophische Bauten am ehesten mit Gebäuden des Jugendstil oder des Expresssionismus. Auch im Innenraum unterscheiden sich anthroposophische Gebäude meist von „normalen“ Bauten durch die Verwendung natürlicher Farben und Lasuren, die in ihrer Auftragetechnik für ein marmoriert wirkendes Erscheinungsbild sorgen.

Das erste Goetheanum: Vorläufer des heutigen Betonbaus

Bereits im Jahr 1913 wurde mit dem Bau des ersten Goetheanums am heutigen Standort begonnen, was bei den damals 2100 Einwohnern Dornachs gemischte Gefühle auslöste. Versuche des Pfarrers der Nachbargemeinde Arlesheim den Bau zu verhindern scheiterten. So entstand ein Doppelkuppenbau aus Holz, der 1920 eingeweiht werden konnte. Dieses überdauerte allerdings nur wenige Jahre und brannte am Neujahrstag 1923 fast komplett nieder. Nur der Betonsockel blieb stehen. Die genauen Umstände des Brandes konnten nie geklärt werden, es wird allerdings von Brandstiftung ausgegangen.

Bereits im März 1923 legte Rudolf Steiner seine Pläne eines Neubaus der Öffentlichkeit vor. Anfang 1925 wurde mit dem Wiederaufbau bzw. Neubau des „zweiten Goetheanums“ begonnen, kurz bevor Rudolf Steiner im März 1925 starb. Sein Leichnahm ist auf dem Goetheanumgelände beigesetzt, aber auch andere Anthroposphen fanden hier ihre letzte Ruhe. So auch der Dichter und Schriftsteller Christian Morgenstern.

1928 konnte der Neubau nach dreijähriger Bauzeit eröffnet werden. Entstanden ist ein Betonbau, der das vorherige Gebäude von seinen Dimensionen überragte und von seinen Formen einen ganz anderen Charakter versprüht. Beim ersten Bau dominierten runde Formen, während das heutige Goetheanum einen eher eckigen und kantigen Charakter hat, aber trotzdem mit dem üblichen Verzicht auf rechte Winkel.
In seiner Größe gehört das zweite Goetheanum zu den ersten Bauten des 20. Jahrhunderts in Beton, der mit seinen freien plastischen Formen über das Zweckmäßige hinausgehen. Ingenieur des Bauwerks war der Norweger Ole Falk Ebbell, der selbst während des Baus immer wieder an der Machbarkeit des Projekts zweifelte.

Anders als viele andere anthroposophische Gebäude ist das Goetheanum nicht verputzt oder gestrichen. Der nackte Beton macht den Bau zu einem grauen Koloss. Möglicherweise hätte Rudolf Steiner es veranlasst, den Bau zu verputzen, doch er erlebte die Fertigstellung nicht mehr und konnte keine entsprechenden Anweisungen geben. In zeitgenössischen Akten gibt es wohl Notizen, dass „darüber noch gesprochen werden müsse“. Heute steht fest: Daran wird sich nichts mehr ändern. Weder gibt es entsprechende Pläne noch wäre es heute noch zulässig, denn das Goetheanum steht seit 1993 unter kantonalem und eidgenössischem Denkmalschutz.

Weitere anthroposophische Gebäude innerhalb der Parkanlage bilden Ensemble

Das Goetheanum steht nicht alleine für sich da. Zwar thront es eindrucksvoll auf einem kleinen Hügel und weckt dadurch Erinnerungen an einen Tempel, aber es ist eingebettet in ein ganzes Ensemble zahlreicher kleinerer anthropsophischer Gebäude. Mehr als 180 entsprechende Wohn-, Verwaltungs- und Zweckbauten befinden sich rund um das zentrale Goetheanum.

Alle Gebäude zu zeigen und zu beschreiben würde den Rahmen sprengen, daher sind die oben gezeigten Bauwerke nur beispielhaft zu verstehen. Das Glashaus gehört zu den ersten Gebäuden, die auf dem Gelände es Goetheanums entstanden sind. Es entstand im Jahr 1914. Seinen Namen verdankt es seiner anfänglichen Funktion, denn in ihm wurden die Gläser für den Saal des ersten Goetheanums geschliffen. Mit seinem Aussehen vermittelt es einen lebendigen Eindruck, wie der Vorgängerbau des heutigen Goetheanums ausgesehen haben muss. Das Dach der Kuppeln ist mit norwegischem Schiefer bedeckt. Heute dient das Glashaus als Sitz der Naturwissenschaftlichen Sektion und der Sektion für Landwirtschaft.

Das Heizhaus entstand 1915 als erster Betonbau auf dem Gelände. Bei dem Namen überrascht es nicht, dass darin die Kohleheizung für das Goetheanum untergebracht war. Der hohe Schornstein erinnert in seiner Form an aufsteigende Flammen. Im Zuge seiner Sanierung konnte die Kohleheizung im Jahr 1990 durch ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk ersetzt werden, das bei Bedarf auf den Betrieb mit Heizöl umgestellt werden kann. Das Blockheizkraftwerk erzeugt neben Wärme auch Strom, der bei Überkapazitäten ins örtliche Stromnetz eingespeist wird.

Bei Haus Duldeck handelt es sich um das ehemalige Privathaus von Herrn Dr. Grosheintz, der einen großen Teil des Landes gestiftet hatte. Das seit 1996 unter Denkmalschutz stehende Haus wurde ebenfalls nach einem von Rudolf Steiner geschaffenen Modells gebaut und beheimatet heute die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung.

Besichtigung des Goetheanums

Das Goetheanum kann ganzjährig besichtigt werden. Das weitläufige Gelände ist frei zugänglich und so könnt ihr die zahlreichen spannenden Gebäude kostenlos äußerlich begutachten.

Einzelne Gebäude können zu bestimmten Zeiten auch von innen besichtigt werden. Werft dazu am besten einen Blick auf die Website des Goetheanums.

Das Goetheanum selbst kann täglich kostenlos betreten werden und beinhaltet auch ein Café und einen Buchladen. Der eindrucksvolle Veranstaltungssaal ist täglich von 13:30 bis 14:30 kostenpflichtig zu besichtigen.

Treppenhaus im Goetheanum
Treppenhaus im Goetheanum

Anfahrt zum Goetheanum / Parkmöglichkeiten

Das Goetheanum ist problemlos mit dem Auto zu erreichen. Es stehen kostenpflichtige Parkplätze zur Verfügung, wobei ich empfehle kostenlose Parkmöglichkeiten im Ort zu nutzen. Der Fußweg zum Goetheanum ist von dort nicht weit und gut zu bewältigen.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Goetheanum ebenfalls mit der gleichnamigen Bushaltestelle der Buslinie 66 zu erreichen. Vom Bahnhof Dornach-Arlesheim sind es allerdings auch nur 15 Gehminuten, sodass ihr nicht zwingend auf einen passenden Anschlussbus angewiesen seid.

Lohnt sich ein Besuch des Goetheanums?

Ich würde diese Frage ganz klar mit „Ja!“ beantworten. Es spielt dabei keine Rolle, was man von der Anthroposophie als Weltanschauung hält. Das Goetheanum und seine umliegenden Gebäude sind architektonisch einfach einzigartig. Zwar existieren Gebäude in anthroposophischer Architektur mittlerweile weltweit, das Goetheanum ist allerdings in seinen Dimensionen her beeindruckend und das Ensemble als Gesamtbild ist in seiner Form einzigartig. Dazu gibt es einfach viel zu entdecken, da jedes Gebäude seinen eigenen Stil hat. Versucht es einfach selbst, zumal ein Besuch kostenlos möglich ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert