In seinem neuesten Roman widmet sich der Schweizer Bestseller-Autor Charles Lewinsky einem brandaktuellen Thema: Künstliche Intelligenz. In Expertenkreisen wird heute schon darüber spekuliert, welche Jobs durch KI in Zukunft überflüssig werden könnten. Gerade Berufe, in denen Texte verfasst werden, werden dabei oft zuerst genannt. Kein Wunder, schließlich hat mit ChatGPT ein schreibendes Helferlein bereits Alltag in unser aller Alltag gefunden, sofern wir ihn denn hereinlassen.
Teile des Romans sind von Künstlicher Intelligenz verfasst worden
Charles Lewinsky hat sich dem Thema in Romanform genähert und ein Werk verfasst, das nicht nur über Künstliche Intelligenz schreibt, sondern er große Teile auch mit bzw. von der KI hat verfassen lassen. Ein spannendes Experiment.
Lewinsky geht ganz transparent damit um und alle Passagen, die mit künstlicher Intelligenz verfasst wurden oder aus der Wikipedia zitiert wurden, sind kursiv gedruckt. Aber beginnen wir am Anfang. Der namenlose Ich-Erzähler ist Werbetexter für Müsli. Wie auch der Romanautor lebt seine Figur also vom Verfassen von Texten. Doch es läuft gerade nicht so gut in seinem Leben. Von heute auf morgen verliert er seinen Job, seine Freundin verlässt ihn und verprasst auf Bali sein Erspartes mit seiner Kreditkarte.
Der arbeitslose Müslitexter beginnt mit der KI herumzuspielen, zuerst erst aus Langeweile. Er möchte sich Geschichten schreiben lassen, in denen er mit dem Hass gegenüber seiner Ex-Freundin spielt. Dabei stößt er allerdings schnell an die einprogrammierten moralischen Grenzen der KI. Als eine Art Spiel beginnt er sich eine Geschichte über die fiktive afghanische Frau Schabnam schreiben zu lassen. Er stellt sich eigene Regeln auf, bspw. wie oft er einen Abschnitt sich von der KI neu schreiben lassen darf, bis er zufrieden ist.
Eine Begegnung mit Folgen
Durch Zufall lernt er einen reichen Wohltäter kennen, der Bücher über echte Missstände und Schicksale auf der Welt publizieren möchte. Er wird als Ghostwriter engagiert und soll das in wohlklingende Sätze bringen, was die Opfer erlebt haben, selbst aber nicht gut formulieren können. Geld ist bei diesem Projekt nebensächlich. So wird aus der Spielerei mit der Geschichte ein echter Job und das Buch erscheint einige Monate später. Dass es Schabnam und ihre tragische Lebensgeschichte in der Realität gar nicht gibt, weiß niemand, außer er selbst. Bei dem gesamten Projekt tauchen immer wieder Probleme auf, die der Erzähler irgendwie löst und dabei neue Probleme auftauchen. So entsteht eine Dynamik, in der die Geschichte, die er schreiben lässt, sich immer tiefer mit seinem realen Leben verbindet. Die Entwicklungen stellen ihn vor immer größere Herausforderungen, insbesondere als seine Ex-Freundin wieder auftaucht und zur Mitwisserin wird…
Zwei Geschichten in einem
Charles Lewinsky erschafft in seinem Roman, wenn man so will, zwei Geschichten in einer. Da ist die Geschichte des Erzählers, aber auch die KI-generierte Geschichte über die Afghanin Schabnam. Im Laufe der Zeit verbinden sich beide Geschichten immer mehr. Beim Lesen wird deutlich, dass es noch etwas dauern wird, bis KI Autoren ersetzen kann. Die Algorithmen erstellen zwar grammatikisch fehlerfreie Sätze, aber ohne Wortwitz, dafür voller Klischees.
Der Erzähler gerät indes in eine immer größere mentale Abhängigkeit zur KI. In allen Lebensfragen befragt er sie und gibt ihr sogar einen Namen: Kirsten. Die Nutzung wird zur Sucht und er beginnt sie zu vermenschlichen während die Beziehungen im realen Leben eher zur Last werden.
Charles Lewinsky demonstriert seine Vielseitigkeit
Wieder einmal aufs Neue hat Charles Lewinsky mit diesem Roman seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Mit seinen 78 Jahren zeigt er sich offen für die neue Technik und spielt mit ihr. Anstatt einfach kritisch mit der Technik abzurechnen, die seine Zunft irgendwann drohen soll, zu ersetzen, nutzt er sie. Er zeigt auf, was KI (bereits) kann und was nicht.
Lewinsky und die KI erschaffen gemeinsam eine kurzweilige, wenn auch in Teilen vorhersehbare Geschichte. Etwas langatmig sind an wenigen Stellen die ausschweifenden Texte der KI, wenn sich der Erzähler den selben Prompt in unterschiedlichen Versionen erstellen lässt, aber das gehört dazu und hätte nicht gestrichen werden dürfen. Auch wenn man die grobe Entwicklung der Romangeschichte erahnen kann, entsteht nie Langeweile und Lewinsky weiß, wie er mit Ereignissen und den persönlichen Verbindungen zwischen den Figuren den Leser fesseln kann. Die sprachliche Rafinesse macht das Lesen zum Genuss. Durch die Ich-Perspektive des Erzählers, plötzlich abbrechende Sätze, wenn er einen Satz nicht zu Ende denkt, kann man sich sehr gut in den Erzähler und seine Gedankenwelt hineinfühlen.
Fazit: Ein spannendes Romanexperiment. Absolute Kaufempfehlung!
Titel: Täuschend echt
Autor: Charles Lewinsky (Link)
Verlag: Diogenes (Link)
Seitenzahl: 352
Preis (D): 26,00 Euro (Hardcover)
ISBN-10: 3257073062
ISBN-13: 978-3257073065
Erschienen: 23. Oktober 2024
Transparenzhinweis: Ich habe das Buch selbst gekauft und bezahlt und stehe in keiner Verbindung zum Autor und Verlag.

