In den Schweizer Hochalpen ist ein besonderes architektonisches Werk entstanden, das die Grenzen zwischen Kunst, Technologie und nachhaltiger Bauweise neu definiert. Der Weisse Turm von Mulegns bzw. Tor Alva auf Rätoromanisch, entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen der Kulturstiftung Origen und der ETH Zürich. Mit seiner Höhe von 30 Metern ist es nicht nur das höchste digital gefertigte Gebäude der Welt, sondern auch ein Symbol für die Transformation eines fast ausgestorbenen Dorfes in ein Zentrum für digitale Baukultur.
Ein Dorf zwischen Vergangenheit und Zukunft
Mulegns, ein kleines Bergdorf an der historischen Julierstraße, erzählt eine bewegende Geschichte von Aufstieg, Niedergang und Erneuerung. Einst wandelten Händler auf dieser uralten Route und so erlebte das Dorf seine beste Zeit im 19. Jahrhundert während der Blütezeit des Tourismus. Emigrierte Zuckerbäcker kehrten damals in ihre Heimat zurück und errichteten prächtige Villen; Hotelpioniere begründeten einen gehaltvollen Tourismus im Tal.
Doch wie vielerorts haben sich die Zeiten geändert: Von einst 149 Einwohnern im Jahr 1900 schrumpfte die Bevölkerung kontinuierlich auf nur noch zwölf Menschen heute. Der Bau der Rhätischen Bahn beendete abrupt den Postkutschenverkehr, und seit den 1950er Jahren sank die Einwohnerzahl stetig. 2018 stand das Dorf vor einer existenziellen Bedrohung: Ein Teilabriß der Weissen Villa sollte die Verbreiterung der Julierstraße ermöglichen und das Post Hotel Löwe befand sich in einem verheerenden baulichen Zustand.
Wenn Kunst auf Wissenschaft trifft
Aus dieser prekären Situation heraus entstand eine außergewöhnliche Partnerschaft. 2018 organisierte der Stab des ETH-Präsidenten einen Ausflug nach Graubünden zur Nova Fundaziun Origen mit dem Ziel, gemeinsam Brücken zwischen Kultur und Wissenschaft zu finden. Diese Begegnung legte den Grundstein für ein Projekt, das sowohl architektonisch als auch sozial wegweisend werden sollte.
Der daraus resultierende Weisse Turm ist weit mehr als nur ein Turm. Er dient als Prototyp, der die Möglichkeiten digitaler Bautechnologien ausloten und das Bauwesen der Zukunft prägen soll. Die Symbiose von künstlerischem Ausdruck, digitaler Forschung und zeitgenössischer Architektur hat einen einzigartigen performativen Raumkörper entstehen lassen.
Revolution der Bautechnik: 3D-Druck in neuen Dimensionen
Das technische Herzstück des Projekts stellt eine bahnbrechende Innovation im Bereich des 3D-Betondrucks dar. Der Weisse Turm ist das weltweit erste mehrgeschossige Bauwerk, das vollständig tragende 3D-gedruckte Säulen verwendet, bei denen die Bewehrung bereits während des Druckvorgangs integriert wird. Diese revolutionäre Technik erforderte die Zusammenarbeit zweier Roboter: Ein Roboterarm presst Beton schichtweise zu komplexen Freiformelementen, während der andere zwischen den Schichten die Bewehrung einfügt.
32 3D-gedruckte Säulen bilden die Struktur des Turms. Insgesamt entstanden im 3D-Druck 124 Bauelemente. 900 Stunden dauerte der Druckvorgang aller Elemente.
Nachhaltigkeit durch Design
Ein besonderer Aspekt des Projekts, der in den Mittelpunkt gerückt wird, ist die Nachhaltigkeit. Da der Beton nur dort eingesetzt wird, wo er tatsächlich benötigt wird, reduziert dieses schalungsfreie Verfahren den Materialeinsatz im Vergleich zu traditionellen Gussverfahren erheblich. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass der Weisse Turm für die Kreislauffähigkeit konzipiert wurde: Durch die Verwendung von lösbaren Verbindungen kann er demontiert und an einem neuen Standort wieder aufgebaut werden. An seinem aktuellen Ort soll er für fünf Jahre stehen bleiben.
Ein Turm als kultureller Leuchtturm
Architektonisch bietet der 30 Meter hohe Turm ein faszinierendes Raumerlebnis. Beim Aufstieg der zentralen Wendeltreppe offenbaren sich atmosphärisch dichte Räume: Dunkle Kammern, die von massiven Säulen umschlossen sind, führen hinauf zu lichtdurchfluteten, offenen Räumen, in denen schlanke, verflochtene Säulen die filigrane Kuppel tragen.
Der gewölbte Aufführungsraum mit zentraler Bühne wird von 32 Sitzplätzen umrundet und bietet den Besuchern einen atemberaubenden Ausblick auf das Dorf und die majestätische Alpenlandschaft der Val Surses. Mit Einbruch der Dämmerung verwandelt sich der Weisse Turm: Seine markanten Öffnungen leuchten wie eine Laterne auf und lassen ihn wie ein Leuchtturm entlang der Julierpassroute erscheinen.

Die Menschen hinter dem Wunderwerk
Das ambitionierte Projekt wurde nur durch die Zusammenarbeit zahlreicher Fachleute möglich. Die Architekten Prof. Dr. Benjamin Dillenburger und Michael Hansmeyer von der Forschungsgruppe Digitale Bautechnologien an der ETH Zürich sind die Köpfe hinter dem Design. Zur Entwicklung trugen die ETH-Professuren von Robert Flatt (Baustoffe) und Walter Kaufmann (Tragwerk) sowie weitere Forscher des Nationalen Forschungsschwerpunktes Digitale Fabrikation maßgeblich bei.
Die Nova Fundaziun Origen unter der Leitung von Dr. Giovanni Netzer fungierte als Bauherrin. Netzer, der im Val Surses aufgewachsen ist und in Theologie, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft promoviert hat, wurde vielfach ausgezeichnet. Er ist unter anderem Preisträger des großen Kulturpreises des Kantons Graubünden und dem Hans-Reinhart-Ring.
Ein Dorf erwacht zu neuem Leben
Die Wirkung des Projekts geht weit über die architektonische Innovation hinaus. Seit 2018 hat Origen systematisch den historischen Bestand von Mulegns gerettet und revitalisiert. Die Stiftung erwarb die bedrohten historischen Bauten mittels einer großen Spendenaktion, darunter die Weisse Villa, das Hotel, ein Telegrafenamt, mehrere Pferdeställe, eine Kutschenremise, eine Schmiede, ein Elektrizitätswerk und die Fuhrhalterei.
2024 wurde das Kulturhotel Löwe eröffnet und schaffte zehn neue Arbeitsplätze in Mulegns. Das Dorf, das 2023 in das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung ISOS aufgenommen wurde, erlebt damit eine bemerkenswerte Renaissance.
Ausblick: Modell für die Zukunft
Der Weisse Turm, dessen Gesamtkosten sich auf 4,4 Millionen Schweizer Franken (4,7 Millionen Euro) belaufen, steht exemplarisch für die Möglichkeiten einer nachhaltigen und innovativen Transformation des Bauwesens. Das Projekt demonstriert zukunftsweisende Entwicklungen im Bereich des computergestützten Designs, der digitalen Fertigung, der Tragwerksplanung und der Materialwissenschaft mit dem Ziel eines nachhaltigeren Bauens.
Eröffnung mit Verzögerung
Im dritten Anlauf hat es geklappt: Die Eröffnung konnte am 20. Mai 2025 stattfinden. Frühere Termine im Juli und danach September 2024 konnten nicht eingehalten werden.
Bundesrat Guy Parmelin war es, der den Turm in der vorigen Woche dann endlich eröffnen durfte. Unerwartete Asbestvorkommen am Standort, aber auch Optimierungen bei der Herstellung der Bauelemente sorgten für die Verzögerung.
Bei den Einheimischen sorgt der Turm nicht nur für positive Stimmen. SRF zitiert Bäuerin Ursula Jäger, die seit 15 Jahren im Dorf lebt: „Hässlich. Es sieht außerirdisch aus. Es passt nicht in die Gegend.“
Besichtigung
Wer den Weissen Turm besichtigen möchte, kann dies im Rahmen einer Führung. Das Ticket für den Besuch kostet 100 Schweizer Franken. Das klingt teuer, allerdings ist nicht nur der Eintritt samt Führung enthalten. Im Preis inbegriffen ist die Hin- und Rückfahrt mit dem ÖPNV ab allen Bahnhöfen bzw. Haltestellen im Kanton Graubünden in der 2. Klasse enthalten, sowie eine Süßspeise in der Gelateria.
Die Buchung ist telefonisch möglich unter der Rufnummer +41 81 637 16 81 sowie unter www.origen.ch
Die Website des Turmprojekts ist unter www.tor-alva.ch/de/ zu finden.


