Steine auf dem Weg zum Pass (Anja Siouda)

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Kategorie: Bücher
Veröffentlicht am Mittwoch, 07. August 2013 Geschrieben von Oliver Schäfer

Steine auf dem Weg zum Pass (Anja Siouda)

Steine auf dem Weg zum Pass ist der Titel eines 2010 erschienenen Romans der Schweizer Autorin Anja Siouda.

Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen ist ein Thema, das in heutiger Zeit kaum aktueller sein könnte. Bedingt durch die Globalisierung leben immer mehr Menschen fernab ihrer Heimat. In der Schweiz, wie auch in Deutschland, machen Menschen aus islamischen Ländern den größten Teil der Mitbürger mit Migrationshintergrund aus und deren Integration ist regelmäßig Thema in den Medien.

In ihrem Roman Steine auf dem Weg zum Pass überträgt die Autorin Anja Siouda die Schwierigkeiten, wenn Menschen verschiedener Religion gemeinsam leben, in die Schweiz der späten 80er Jahre. Martin lebt mit seinen beiden Brüdern Ernst und Otto einsam und autark auf einer Alb am Brünigpass. Die drei Bergbauern haben durch ihre abgeschiedene Lage und schlechte Infrastruktur kaum Kontakt zur Außenwelt und besuchen das fußläufig weit entfernte Dorf nur selten. Die drei Männer im Haus haben wenig Sinn und Talent für die Arbeit im Haushalt oder das Kochen, so entschließt sich Martin per Zeitungsanzeige sein Glück zu versuchen um eine Frau zu finden, die sich vorstellen könnte auf der Alp zu leben und im Haushalt mitzuarbeiten. Der wenig hoffnungsvolle Plan geht auf und Martin fährt nach Luzern um die ihm völlig unbekannte Halima zu treffen. Diese spricht kein Wort Deutsch und Martin versteht kein Französisch, sodass die Kommunikation zwischen den beiden anfangs fast unmöglich ist und von Missverständnissen geprägt ist. Zu Martins Erstaunen kommt Halima mit ihm aber mit und lebt sich trotz Sprachbarriere schnell im Haushalt ein, putzt und kocht und hilft immer mehr in der Landwirtschaft.

So sehr Halima Ordnung und Sauberkeit in den Haushalt bringt sorgt ihre Anwesenheit immer wieder für Unruhe. Halima lebt auch auf der Alp nach dem Koran, kann mit den drei Brüdern mangels Sprachkenntnisse aber nicht darüber reden, warum sie manches so tut, wie sie es aus religiösen Gründen eben tut. Dass ihr Handeln religiös bestimmt ist und sie vor allem auch eine andere Religion hat, kommt den Brüdern nicht in den Sinn. Einzig Martin erkennt, je mehr er beginnt sich zu Halima hingezogen fühlt, dass sie religiös lebt und handelt, glaubt aber fast bis zuletzt, dass Halima Christin ist und einfach einen strengeren christlichen Glauben hat und dem Alten Testament mehr Bedeutung schenkt. Aus Zuneigung wird schnell Liebe und gleichzeitig findet Martin auch wieder den Weg zum Glauben, der in den letzten Jahren fast nur scheinheilig in Form des ritualisierten Tischgebets im Hause lebte. Das sorgt für Schwierigkeiten in der aufkommenden Beziehung zwischen Martin und Halima. Als die größten Hürden der Liebe überwunden scheinen kommt die Beziehung erneut ins Wanken, als Halima von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und Martin erfährt, dass eine Halima Prostituierte ist, doch wieder verhindern die fehlenden Deutschkenntnisse, dass Halima erklären kann, dass sie zur Prostitution gezwungen wurde und mit falschen Versprechungen nach Europa gelockt wurde.

Steine auf dem Weg zum Pass liest sich anfangs sehr kurzweilig. Das Zusammenleben, vor allem in Form einer Beziehung, zwischen einem Christen und einer Muslimin verspricht einen spannenden Stoff mit Brisanz und aktuellem Bezug. Im ersten Teil des Buches wird die Geschichte von außen betrachtet, allerdings mit Schwerpunkt auf Martins Perspektive, spannend erzählt und der Leser erhält ein lebhaftes Bild vom Schauplatz und der Handlung vor seinem inneren Auge. Die Geschichte schreitet in einem angenehmen Tempo voran, nicht zu schnell, nicht zu langatmig, allerdings erscheint das Auftreten dramatischer Ereignisse doch sehr gehäuft, doch ermöglichen sie neben den Situationen im Alltag Szenen zu provozieren, wo die beiden Glauben aufeinanderprallen. Viele der beschriebenen Konflikte wirken auf den Leser aber eher wie Kommunikationsprobleme und wären bei einer gemeinsamen Sprache vermutlich kein größeres Problem gewesen. Während Halima streng nach dem Koran lebt scheint insbesondere Martin zwar sehr naiv, aber durchaus tolerant und offen zu sein und wäre sicherlich kompromisbereit. Erst gegen Ende der Erzählung beherrscht Halima - nachdem Martin ein Wörterbuch gekauft hat - ausreichend die deutsche Sprache, um mit Martin verbal richtig zu kommunizieren. Dass dieser bis dahin nicht realisiert hat, dass Halima Muslimin ist, kann man sich nur schwer vorstellen und scheint doch sehr klischeehaft zum Bild des hinter dem Mond lebenden Bergbauern zu passen. Etwas konstruiert erscheint aber auch nicht nur das Zusammentreffen von Halima mit den drei Brüdern, sondern auch die geballte Zahl an Todesfällen im Laufe der Geschichte. Trotz allem liest sich der erste Teil des Buches spannend und kurzweilig, auch wenn die auftauchenden religiösen Probleme sicher nicht auf eine Beziehung in einer deutschen oder Schweizer Großstadt übertragbar wäre.

Der zweite Teil des Buches ist in Form von Tagebucheinträgen Halimas verfasst, die diese in der Nacht heimlisch geschrieben hat. Diese tauchen erst nach Abschluss der Geschichte auf, als eine Städterin sich den Traum einer eigenen Alp erfüllt und durch Zufall auf die Texte in arabischer Sprache stößt. Auch hier wirkt es doch eher konstruiert als zufällig, dass diese eine Übersetzerin für Arabisch ist und so fähig ist, die Texte zu lesen.
Dieses Stilmittel ist jedoch eine sehr gute Idee, da so dem Leser auch Halimas Sicht geschildert wird, die anfangs im Dunkeln bleibt. So wird einerseits ihr Handeln in den einzelnen Situationen deutlich und erklärbar, auf der anderen Seite wird deutlich, wo sie sich über das Handeln der Brüder, vor allem von Martin, wundert und daraus nicht schlau wird. Die Spannung und Kurzweiligkeit des ersten Teils mögen diese Tagebucheinträge aber nicht aufrecht erhalten, da die Handlung ja bereits bekannt ist und Halimas Texte mit wenig Überraschungen aufwarten.

Fazit: Steine auf dem Weg zum Pass ist ein Buch mit einem spannenden und insgesamt gelungenen ersten Teil (der weit mehr als die Hälfte des Buchs ausmacht) und einem etwas zäheren zweiten Teil. Der Leser macht mit dem Kauf zwar nichts falsch, darf aber auch nicht zu viel erwarten. Das Thema - die Schwierigkeiten in einer christlich-muslimischen Beziehung - hätte differenzierter und facettenreicher ausgestaltet werden können und hätte nicht unbedingt derart vieler dramatischer Szenen gebraucht.

 

Titel: Steine auf dem Weg zum Pass - Wenn Liebe religiöse Grenzen sprengt
Autorin: Anja Siouda (Link)
Verlag: Ben Hamida International GmbH (Link)
Seitenzahl: 230
Preis (D): 14,50 Euro (Broschiert)
ISBN-10: 3-906021-10-6

 

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