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Falsche Idylle

Würden Sie bei diesem Ferienhaus denken, dass es sich eigentlich um einen Bunker handelt?
Foto:© Festungsmuseum Heldsberg

Häuser mit zwei Gesichtern

 
Es ist bekannt, dass das Militär in der Schweiz einen recht hohen Stellenwert hat und das kleine Alpenland für einen etwaigen feindlichen Angriff bestens gerüstet wäre – der Feind kann kommen, selbst wenn es morgen wäre. Binnen kürzester Zeit könnten alle wichtigen Straßen und andere wertvolle Objekte selbst zerstört werden, sodass das Land für den Feind unbrauchbar wäre. Und das obwohl die Schweiz schon seit Urzeiten in keinen Krieg mehr aktiv verwickelt war und auch kein Angriff droht.
Dass die Schweizer Alpen mancherorts schon mehr Löcher haben als ein Schweizer Käse ist bekannt, aber dass das Militär auch Chalets ihr Eigen nennt war lange Zeit geheim – wobei der Schein trügt. Was auf den ersten Blick nach einem luxuriösen Ferienhaus aussieht entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Betonbunker.


Aus der Nähe gut zu erkennen: MG-Schießscharte


Die Fenster sind nur aufgemalt

Alle Fotos:
© Festungsmuseum Heldsberg

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Mit anderen Worten: Das Schweizer Militär baut Betonbunker und tarnt diese als ganz gewöhnliche Zivilgebäude. Ob nun eine Villa, ein Hühnerstall, eine Scheune, eine Alphütte oder eine Pumpstation – alles könnte in Wirklichkeit ein getarnter Militärbunker sein. Die Wirkung der Tarnung ist auf die Entfernung abgestimmt, aus der Nähe fallen einem durchaus die Tarnelemente ins Auge, aber sie ist effektiv. Die Gebäude passen stets perfekt in die Landschaft.

Das Buch „Falsche Chalets“ von Christian Schwager widmet sich diesen Bunkern. Auf 142 Seiten findet der Leser Fotos von 107 dieser militärischen Gebäude. Nun mag sich die Frage stellen worin die Motivation liegen kann sich so viele Bunker anzusehen, aber diese ist leicht beantwortet: Jedes dieser „falschen Chalets“ ist anders und jedes Mal staunt man aufs Neue was sich die Schweizer haben einfallen lassen um im Ernstfall unerkannt zu bleiben. So entpuppen sich vermeintliche Holzverschläge als massive Betonbauten, die lediglich täuschend echt im Holz-Look angestrichen sind, Fenster sind aufgemalt oder aufgesetzt, hinter Türen befinden sich Wände, an alles wurde gedacht um die Illusion perfekt zu machen. Einige wenige Fälle sind etwas plumper, so dürfte es manch einem etwas seltsam vorkommen wenn aus einem Hühnerstall ein Panzerturm herausragt… Diese Gebäude sind übrigens um 360° drehbar, wobei man dieses Spektakel wohl eher nicht erleben wird. Andere Auffälligkeiten sind bei manchen Beispielen die Einzäunungen mit Stacheldraht oder überdurchschnittlich große (Holz-)Tore die Schießscharten verdecken.

Aber nicht in allen Fällen dient die Maskerade der Tarnung. Viele Bunker wurden erst lange nach dem Erbauen getarnt, denn als der Zweite Weltkrieg zu Ende war kamen auch die Touristen wieder ins Land, und diese wollen die heile unversehrte Schweiz sehen, darum wurden viele Bunker einfach ins Landschaftsbild eingegliedert. Die meisten Bunker sind nicht mehr oder nur noch kaum in Gebrauch. Dies berechtigt die Frage warum diese dann nicht einfach abgerissen werden. Der Grund ist folgender: der Unterhalt der Bunker beläuft sich auf nur wenige tausend Franken pro Jahr – der Abriss solcher massiven Gebäude kostet aber schnell mehrere zehntausend Franken…


Sämtliche Fotografien in diesem Bildband sind in Farbe, darunter befinden sich Informationen zu dem jeweils abgebildeten Gebäude. Zum einen welche Art Gebäude der Bunker darstellen soll, als was es vom Militär genutzt wird, die Bauzeit und der Standort samt Kanton. Außerdem gibt es jeweils noch einen kleinen Text der die baulichen Besonderheiten beschreibt. Eine rote Zahl verweist auf die Landkarte am Anfang des Buches wo man sich ein Bild davon machen kann wo sich das entsprechende Militärgebäude befindet.

Auf den letzten Seiten des Buchs findet man dann noch etwas über die Geschichte der „Falschen Chalets“ das einem die Hintergründe vor Augen führt.


Es macht Spaß durch das Buch zu blättern und jedes Mal aufs Neue über die Details zu staunen und zu schmunzeln die die Schweizer benutzt haben um die Illusion so perfekt wie möglich zu machen. Bei manchen Gebäuden muss man schon zwei Mal hinsehen um die Tarnung zu erkennen.
Wehrmutstropfen ist allerdings der Preis für diesen Taschenbuch-Bildband: 39 Euro kostet der Spaß in Deutschland. Das Buch ist bei Amazon.de erhältlich (momentan aber vergriffen) oder über den Buchhandel mit der ISBN-Nummer 3905509490.

Bis November 2004 konnte man sich die Fotos im Museum für Gestaltung in Zürich ansehen.Gerne hätten wir Ihnen auf dieser Seite auch Fotos aus dem Buch gezeigt, aber der Fotograf antwortete auf unsere Mail leider nicht. Beispielfotos finden Sie unter http://www.christianschwager.ch/m_bauten/f_chalet.html
Die von uns verwendeten Fotos stammen vom Festungsmuseum Heldsberg, bei dem wir uns herzlichen für das Bildmaterial bedanken.

Fazit: Interessant ist das Buch allemal, nur für 39 Euro ziemlich überteuert. Deshalb sprechen wir auch nur eine bedingte Kaufempfehlung aus. Aus qualitativer Sicht kann man bedenkenlos zugreifen, das Preisleistungsverhältnis ist aber keinesfalls gerechtfertigt.


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Schweizwochen und wurde deshalb in abgewandelter Form auch beim Meinungsportal www.ciao.com veröffentlicht.
 
Infos: 
Titel: Falsche Chalets
Autor: Christian Schwager
Seitenzahl: 142
Buchtyp: broschiert
Verlag: Edition Patrick Frey
ISBN: 3905509490
Preis: 39,00 €

 

Ein Artikel von Oliver Schäfer